Ambulante pflegerische Versorgung gefährdet: Es braucht innovative Lösungen
Eine verlässliche ambulante Versorgung pflegebedürftiger Menschen in Schleswig-Holstein ist derzeit gefährdet. Durch den Fachkräftemangel in der Pflege müssen ambulante Pflegedienste immer häufiger Neuaufnahmen ablehnen. Auch sind die Versorgungszeiten für bestehende Pflegeempfänger*innen oft nicht mehr frei wählbar. „Die Leidtragenden sind vor allem die Pflegebedürftigen und ihre Familien“, sagt Carola Neugebohren, Vorstandsmitglied der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein und Bereichsleiterin im Palliativnetz Travebogen. Oftmals müssten Angehörige einspringen, wenn der Pflegedienst morgens nicht kommen kann, manchmal sogar die minderjährigen Kinder.
„Um eine sichere Versorgung im ambulanten Pflegebereich zu gewährleisten, braucht es innovative Lösungen“, fordert die erfahrene Gesundheits- und Krankenpflegerin. Dazu gehören neue Versorgungskonzepte, aber auch verkehrsbedingte Erleichterungen für ambulante Pflegedienste. Dafür setzt sich die Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein aktuell in verschiedenen Projekten ein.
Die häusliche Pflegesituation stärken

 


Ein wichtiges Ziel sei es, die pflegebedürftigen Menschen stärker darin zu unterstützen, sich selbst zu versorgen bzw. informelle Netzwerke aufzubauen und diese als Ressource zu nutzen. „Im Moment werden über die Kranken- und Pflegeversicherung lediglich einzelne pflegerische Verrichtungen finanziert, wie Medikamentengabe, Körperwaschung oder Aufgaben der Behandlungspflege“, sagt Neugebohren. Die Pflege müsse sich aber viel stärker am Bedarf des Einzelnen orientieren und auf eine möglichst große Unabhängigkeit der Pflegebedürftigen fokussieren. Ein solcher Ansatz sei langfristig lohnend, würde aber im Moment nicht finanziert, beklagt Neugebohren. „Ich bin der festen Überzeugung, dass
sich Pflegebedarfe reduzieren lassen, wenn die Selbstpflegekompetenzen stärker gefördert werden.“
Ambulante Leistungen sollten deshalb nach dem Zeit- und nicht nach dem Verrichtungsprinzip vergütet werden. „Mit einem festen Zeitbudget, das individuell eingesetzt werden kann, können Pflegefachpersonen viel passgenauer auf die Bedürfnisse ihrer Klienten eingehen und die häusliche Pflegesituation stärken“, sagt Neugebohren. Zusätzlich fordert die Pflegeberufekammer, die Trennung zwischen Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch V (Krankenversicherung) und dem Sozialgesetzbuch XI (Pflegeversicherung) aufzuheben. „Das derzeitige System hemmt die Förderung der Selbstständigkeit pflegebedürftiger Menschen. Das ist in Zeiten des Fachkräftemangels fatal“, sagt Neugebohren.
Verkehrsbedingungen für Pflegedienste verbessern
Ein weiterer Punkt, für den sich die Pflegeberufekammer einsetzt, sind bessere Verkehrsbedingungen für ambulante Pflegedienste. Denn oft verbringen Pflegende wertvolle Zeit im Straßenverkehr, die besser den pflegebedürftigen Menschen zugutekommen sollte. „Wir freuen uns, dass der Sozial- und Verkehrsausschuss der Hansestadt Lübeck unserer Eingabe, die in der Konzertierten Aktion Pflege verabschiedet wurde, aufgenommen hat“, sagt Frank Vilsmeier, Vizepräsident der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein. Der Kontakt sei auf Initiative des Vorsitzenden des Sozialausschusses, Ingo Schaffenberg (SPD) zustande gekommen und binde nun auch die Verkehrspolitiker*innen mit ein. Ein zweites Treffen finde im Januar 2020 statt. Zu den diskutierten Verbesserungen gehöre zum Beispiel die Öffnung durchfahrtsbeschränkter Straßen in Lübeck für ambulante Pflegedienste. „Diese Straßen sind für die Feuerwehr und Rettungsdienste bereits freigegeben“, sagt Neugebohren. „Für Pflegedienste jedoch noch nicht, was bis zu 20 Minuten Umweg bedeuten kann.“ Viele pflegerische Maßnahmen seien zeitsensibel, zum Beispiel die Gabe von Insulin bei einem Diabetes. Deshalb sollten unnötige zeitliche Verzögerungen unbedingt vermieden werden.
Weiterhin sollen die Freigabe der Busspuren für ambulante Pflegedienste sowie eine besondere Parkberechtigung in der Innenstadt diskutiert werden. „Unser Ziel ist es, eine verlässliche Versorgung aller pflegebedürftigen Menschen in Schleswig-Holstein zu gewährleisten“, sagt Vilsmeier. Dazu gehöre auch, dass ambulante Pflegedienste ähnliche Verkehrsbedingungen haben wie Rettungsdienste, niedergelassene Ärzte oder Taxifahrer.
Ansprechpartner:
Frank Vilsmeier – Vizepräsident Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein Fabrikstr. 21 24534 Neumünster Mobil: 0164 4327253
Hintergrund zur Konzertierten Aktion Pflege
Der von der Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein eingebrachte Vereinbarungstext in der Konzertierten Aktion Pflege der Bundesregierung lautet: „Die Kommunen prüfen Möglichkeiten für erleichterte Sonderparkrechte „im Rahmen eines gesundheitlichen Sicherstellungsauftrages“ für Pkws im Einsatz der ambulanten Pflege zu gewähren sowie zum Beispiel die Benutzung von Busspuren (wie für Taxifahrer, Krankentransporte, ärztlichen Bereitschaftsdienst) zu ermöglichen.
Hintergrund zur Pflegeberufekammer Schleswig-Holstein: Mit der Pflegeberufekammer haben Pflegefachpersonen in Schleswig-Holstein seit dem 21. April 2018 eine eigenständige Standesvertretung. Die Pflegeberufekammer ist den etablierten Heilberufekammern (Ärztekammer, Psychotherapeutenkammer, Apothekerkammer etc.) als Körperschaft öffentlichen Rechts gleichgestellt. Sie vertritt mit über 26.000 Mitgliedern die größte Berufsgruppe unter den Heilberufen. Alle Pflegefachpersonen mit einem Abschluss in der Altenpflege, Gesundheits- und Kranken- sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpflege, die in Schleswig-Holstein arbeiten, sind Mitglieder der Kammer. Die Pflegeberufekammer nimmt mit ihren gewählten ehrenamtlichen Vertreter*innen die beruflichen Interessen der Mitglieder wahr. So können die Pflegefachpersonen erstmals selbst über die Zukunft und Weiterentwicklung des Berufsstandes in Schleswig-Holstein mitbestimmen

 

Dokument als PDF Datei