Den Weg in den Tod ganzheitlich begleiten: Dieser Vision hat Cicely Saunders ihr Leben gewidmet. Ihre Arbeit auf dem Gebiet der Palliativmedizin trug maßgeblich dazu bei, die Bedürfnisse sterbenskranker Menschen neu zu überdenken - und ihnen auch im sozialen und spirituellen Bereich beizustehen.

 

Lebensqualität verbessern

Sie gilt als Mutter der modernen Hospizbewegung. Es geht vor allem darum, die Lebensqualität zu verbessern. Egal, wie lang oder kurz das Leben noch sein wird. St Christopher‘s ist ein Ort für Menschen, denen man im Krankenhaus gesagt hat: Wir können nichts mehr für Sie tun.

Eigentlich wollte Cicely Saunders, am 22. Juni 1918 in Nordlondon geboren, einen ganz anderen Lebensweg einschlagen. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie, ging auf ein feines Internat und anschließend nach Oxford, um Philosophie, Politik und Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Aber dann kam der Zweite Weltkrieg.

Eine folgenschwere Begegnung

Die junge Cicely brach ihr Studium ab. Sie wollte sich nützlich machen, wurde Krankenschwester, dann Sozialarbeiterin im medizinischen Bereich. 1948 lernte sie David Tasma kennen, einen polnischen Juden, der das Warschauer Ghetto überlebt hatte und mit knapp 40 Jahren unheilbar an Krebs erkrankt war. Eine folgenschwere Begegnung, erzählt Andrew Goodhead, Seelsorger am St Christopher‘s Hospiz in Sydenham.

Für Cicely Saunders wurde klar, dass David Tasmas Schmerzen nicht nur physische, sondern auch psychische, soziale und spirituelle Ursachen hatten. Und dass es nicht damit getan war, ihn - wie damals üblich - mit einem Cocktail von Opiaten zu betäuben. Er brauchte viel mehr als ein komfortables Krankenbett und eine gute Symptomkontrolle. Er brauchte Kontakt mit seinen Mitmenschen und die Möglichkeit, darüber reden zu können, was ihn im Innersten bewegte.

In intensivem Austausch mit David Tasma entwickelte Cicely Saunders ihre Vision von einem Hospiz, das seine Patienten auf ihrem Weg in den Tod auf ganzheitliche Weise begleiten sollte.

David Tasma hatte nur noch zwei Monate zu leben. Und er wollte mir unbedingt helfen, meinen Traum zu verwirklichen - und damit gleichzeitig seinem eigenen Leben einen tieferen Sinn verleihen. Als wir über seinen letzten Willen sprachen, vermachte er mir 500 Pfund. Und er sagte mit einem kleinen Lachen, er wolle ein Fenster in meinem Heim sein.

Ausbildungszentrum für moderne Palliativmedizin

Es sollte 19 Jahre dauern, bis St Christopher‘s endlich eröffnet wurde. Cicely Saunders hatte sich in der Zwischenzeit als Ärztin ausbilden lassen und vor allem daran gearbeitet, eine bessere Schmerzbehandlung zu entwickeln.Gleichzeitig wollte sie ihr Konzept in die Welt hinaustragen. Und so konzipierte sie St Christopher‘s von Anfang an auch als Forschungs- und Ausbildungszentrum für moderne Palliativmedizin. Der Garten von St Christopher‘s, Blumen, Ziersträucher, ein kleiner Teich. Von einer Birke hängt eine Zettelbotschaft: "Mum, I miss you". Die Mitarbeiter legen großen Wert darauf, auch die Familien der Patienten zu unterstützen und gute Kontakte mit der örtlichen Bevölkerung zu unterhalten. Es gibt gemeinsame Konzerte, Workshops und sogar einen Chor, zu dem jeder eingeladen ist. Kranke, schwache und alte Menschen dürfen nicht sozial ausgegrenzt werden, betont Andrew Goodhead.

"Die Tatsache, dass unsere Gesellschaft immer älter wird, stellt uns vor ein Riesenproblem. Da kommt eine große Aufgabe auf uns zu, die wir nur gemeinsam lösen können, indem wir über neue Formen des Zusammenlebens nachdenken, in denen die Menschen sich gegenseitig unterstützen - nicht nur im letzten Lebensabschnitt, sondern auch in den vielen Lebensphasen davor."

Cicely Saunders starb am 14. Juli 2005 im Alter von 87 Jahren, in dem von ihr gegründeten Hospiz. Dort war sie bis kurz vor ihrem Tod noch aktiv. Ihre Arbeit auf dem Gebiet der Palliativmedizin wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Inzwischen sind allein in Großbritannien über 200 Hospize nach dem Vorbild von St Christopher's entstanden